Die Berufswahl von Jugendlichen eine Entscheidung zwischen Herz und Verstand

Wenn große Unternehmen nach Mitarbeitern gefragt werden, die an einer Lernstörung wie Legasthenie oder Dyskalkulie leiden, dann blickt man in fragende Gesichter. Denn dieses Problem ist in den meisten Unternehmen nicht gegenwärtig und nicht existent. Tatsächlich scheint es vielen
Mitarbeitern zu gelingen, Dyskalkulie und Legasthenie gekonnt zu verstecken. Das ist insoweit nicht nachvollziehbar, weil beide Lernstörungen kein Zeichen sind für mangelnde Intelligenz. Stattdessen sind Menschen mit Legasthenie und Dyskalkulie zumindest in einigen Bereichen übermäßig talentiert und man fragt sich, warum Unternehmen dieses Potenzial ungenutzt brachliegen lassen.

Lernstörungen verstecken: zur Aufnahme eines handwerklichen Berufs „verdammt“?
Angesichts dieses wenig offenen Umgangs von Unternehmen mit diesem Thema müssen sich Jugendliche ihre Berufswahl sorgfältig überlegen. Inwieweit schränken Legasthenie und/oder Dyskalkulie die Berufswahl von Jugendlichen ein? Sind Jugendliche mit Legasthenie und Dyskalkulie dazu verdammt, ihre Berufswahl entsprechend ihrer Lernstörungen auszurichten? Müssen sie sich Berufe suchen, in denen sie ihr Handicap möglichst gut verbergen können und auf einen Beruf verzichten, der ihnen Spaß macht und für den sie besonders talentiert sind? Das sind Fragestellungen, mit denen sich Jugendliche, die an Lernstörungen leiden, bei der Berufswahl auseinandersetzen werden.

Um Lernstörungen zu verbergen und komplizierten Texten aus dem Weg zu gehen, bieten sich insbesondere handwerklich ausgerichtete Berufe an, also Bäcker, Maler, Klempner, Schreiner, Schneider, Dachdecker, Schornsteinfeger, Tischler, Fliesenleger und viele weitere Berufe. In diesen Berufen können Legastheniker die Büroarbeit und damit zusammenhängende Schreibarbeiten weitgehend umgehen. Schwierig wird es allerdings für Jugendliche mit Dyskalkulie dann, wenn es beispielsweise wie beim Schreiner um das genaue Vermessen und das Errechnen von Maßen geht.

Unerfüllbare Erwartungen umgehen durch Selbstständigkeit
Erleichterung erfahren Menschen mit Legasthenie und/oder Dyskalkulie durch den Einsatz von Computern, die über eine Rechtschreibprüfung und auch über Rechenhilfen verfügen. Insoweit besteht durchaus die Möglichkeit einen kaufmännischen Beruf zu ergreifen oder auch einen Beruf aus dem IT-Bereich zu wählen. Handwerkliche und technisch ausgerichtete Berufe stehen ohnehin bei Jugendlichen mit Legasthenie und/oder Dyskalkulie in der Beliebtheitsskala an vorderster Stelle.

Tatsächlich wählen vergleichsweise viele Menschen, die von Legasthenie und/oder Dyskalkulie betroffen sind, den Weg in die Selbstständigkeit. Denn wer sein eigener Chef ist kann unerfüllbare Erwartungen umgehen und muss sich nicht an seinen durch Lernstörungen bedingte Schwächen messen lassen oder diese gar mühsam verbergen. Im Rahmen der Selbstständigkeit geht es nicht nur darum sein eigenes Umfeld zu kreieren, sondern unternehmerische Qualitäten einzubringen, über die an Lernstörungen leidende Menschen in besonders hohem Maße verfügen. Denn sie haben bereits während der Schulzeit gelernt, mit Rückschlägen umzugehen und diese zu verarbeiten und ihre Schwächen mit Stärken zu kompensieren.